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Adipositas - Was soziale Medien offenbaren
Meike Madelung, Engagement Manager, Thought Leadership, IQVIA
Mar 23, 2026

Nur wenige Wirkstoffe haben in jüngster Vergangenheit so viel Aufmerksamkeit erhalten wie die Gruppe rund um die GLP-1 Medikamente zur Gewichtsreduktion. Ihre Wirksamkeit, Verträglichkeit, Anwendungsmöglichkeiten, aber auch Beschaffungswege – und vor allem auch der Einsatz der Präparate von bekannten Persönlichkeiten - wird in den sozialen Netzwerken von vielen tausend Menschen rund um die Uhr besprochen und kommentiert. Das wirkt auf den Handel mit den Medikamenten ein.

Die digitale Kommunikation über GLP-1 Medikamente könnte damit ein erstes Beispiel dafür sein, wie soziale Netzwerke Absatz- und Umsatzwege von Rx-Medikamenten beeinflussen und so lohnt der Blick in die deutschsprachigen Postings allemal. Heraus kommt eine Analyse, die nachdenklich macht:


Eine halbe Million Erwähnungen
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Allein in dem Zeitraum zwischen Dezember 2024 und November 2025 wurden in deutschen Sozialen Netzwerken 463.000 Erwähnungen im Kontext von Adipositas veröffentlicht, der größte Teil davon auf Online-Nachrichtenseiten wie MSN.com, Focus, Chip etc., gefolgt von der Plattform X (früher Twitter) und verschiedenen Foren.

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Medikamenten-Geflüster

Dominiert wird die Diskussion über Anti-Adipositas-Medikamente in den sozialen Netzwerken von Erwartungen an die Behandlungsergebnisse sowie bestimmten etablierten oder neu aufkommenden Mustern in der Anwendung und dem Absetzen der Arznei – ebenso lässt sich aber auch ableiten, dass die Patienten miteinander über die Strategien kommunizieren, wie sie

  • Kosten,
  • Zugang,
  • und Langzeittherapie

navigieren.


Markenbewusstsein

Diejenigen Präparate, die zum allgemein gebräuchlichen Synonym für Gewichtsverlust und Abnehmen geworden sind, dominieren als Markenerwähnung die Online-Gespräche: Zwar ist Ozempic nicht gegen Adipositas zugelassen, sondern zur Behandlung des Diabetes, dennoch wird das Pharmaprodukt über alle Plattformen hinweg am häufigsten erwähnt. 

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Auf Online-Nachrichtenseiten gab es gut 13.300 solcher Erwähnungen von Ozempic und „nur“ 12.600 Erwähnungen für Wegovy – obwohl Wegovy bereits seit Juli 2023 verfügbar ist und im Gegensatz zu Ozempic für die Behandlung von Adipositas zugelassen ist. Späteinsteiger im Markt Mounjaro erreicht im Betrachtungszeitraum etwas mehr als 5000 Erwähnungen.

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Patientenstimmen bekommen ein Gesicht

Facettenreich und nuanciert stellen sich die Erfahrungsberichte aus dem Patientenalltag dar beim Eintauchen in die patientengeführten Online-Gespräche. In Online-Diskussionsforen wie Reddit, in denen die Arzneimittelanwender praktische Ratschläge zur Anwendung des Device oder zur Dosierung austauschen, werden dabei vornehmlich die Produktnamen erwähnt und eher selten die Substanznamen:

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Genau dieser Unterschied zählt. Denn in den Online-Foren wie bspw. Reddit u.a., werden auch herstellerspezifische News und/oder Studienergebnisse breit besprochen. So zeigte sich ein deutlicher Anstieg an Postings nach der wissenschaftlichen Veröffentlichung der STEER-Studie über den Impact von Wegovy auf das kardiovaskuläre Risiko. Auf X und den Foren spricht die Online-Community aber auch über den Alltagsgebrauch der Medikamente. Diese Diskussionen geben Einblick in die Motivation der Patienten und in mögliche Gründe, Gedanken und damit die Ursächlichkeit für schlechte Therapietreue oder gar Therapieabbrüche. 

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Die Wirksamkeit der Medikamente dominiert die Gespräche in den Online-Medien: Wie verläuft der Gewichtsverlust? Wie viel kg sind abgenommen, wann war ein Gewichtsplateau beim Abnehmen erreicht? Wie fühlt sich der verminderte Appetit an?

Knapp die Hälfte der Postings (44%) konzentrierten sich inhaltlich auf die Schnelligkeit des Gewichtsverlusts und Strategien, wie die Gewichtsreduktion eingehalten werden kann. Zeitpläne, Vorher-Nachher-Vergleiche sowie Updates zum persönlichen Fortschritt werden geteilt. Die Kommunikation deutet zudem darauf hin, dass viele Patienten nach 12 – 15 Monaten ein Abnahmegewicht-Plateau erreicht haben und dass danach eine weitere Gewichtsabnahme schwierig wird.

Etwa ein Drittel (27%) der Konversationen drehen sich um Appetitkontrolle, Ernährungs- und Trainingspläne. Viele freuen sich, dass die innere Stimme rund um das Essen verschwindet.

12 % der Diskussionen widmen sich den Nebenwirkungen und Verträglichkeiten – etwa Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Verstopfung etc. Die Patienten vergleichen sich dabei: Was nehmen sie ein, wie viel davon und sie geben sich praktische Tipps, wie die Wirksamkeit des Medikaments aufrechtgehalten werden kann bei gleichzeitiger Verringerung der Unbehaglichkeit oder Nebenwirkungen. Insgesamt gilt in dieser Konversation: Lieber langfristig abnehmen, als wegen Unpässlichkeit aufzuhören.

9 % haben Bedenken, was nach dem Erreichen des Zielgewichts kommt. Sie planen dabei aktiv, wie sie die Erhaltungsdosis organisieren, bspw. durch „bequeme“ niedrige Dosen, die das Gewicht halten. Die Angst vor Gewichtszunahme ist groß. Viele berichten, dass das alte Verlangen nach Essen wieder zurückkehrt, wenn die Dosis sinkt.

8 % berichten von Verbesserungen im emotionalen Wohlsein, die die medikamentöse Therapie zusammen mit Anpassung des eigenen Lebensstils und auch psychischer Verbesserung mit sich bringt. Diskutiert werden in diesem Kontext ganzheitliche Ansätze im Umgang mit der Erkrankung, den Medikamenten, und weiteren Verhaltensmaßnahmen.


Therapieabbrüche dokumentiert – das liebe Geld

Mangelnde Verträglichkeit (64%), Kostenhürden (30%) – 100 bis 400 € Eigenbeteiligung sind fällig –Zugangsmöglichkeiten zur Therapie (5%) sowie unerfüllte Erwartungen (2%) werden in den Online-Medien als Gründe für einen Therapieabbruch benannt. Interessant dabei: Patienten berichten davon, dass sie Schwierigkeiten mit dem Medikamenten-Handling hatten: Einmal versehentlich eingefroren, ist das Präparat nicht mehr zu verwenden und muss entsorgt werden.

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Auch über die Therapiephase nach dem Erreichen des Wunschgewichts machen sich die Patienten Gedanken. Der Großteil der 1844 Konversationen zu diesem Thema dreht sich darum, dass die Patienten damit rechnen, die Medikamente dauerhaft nehmen zu müssen. Hierfür tauschen sie Budget-Strategien aus und diskutieren ihre eigene Rolle im Krankheitsmanagement. 

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Erkenntnisgewinn durch Social Listening für Hersteller
  • Patienten sind informierte Konsumenten einer von mehreren Therapieoptionen. Sie vergleichen Wirksamkeit, Kosten, Krankheitsmanagementstrategien – häufig in einem Jargon, der dem klinischen Setting entspringen könnte!
  • Lücken in der Beratung und Fürsorge am Patienten sowie weitere Praxistipps, die im realen, analogen Behandlungsalltag oft zu kurz kommen, werden von den Patienten „peer-to-peer“ aufgefangen. Hier liegen einerseits Risiken, die Hersteller beachten sollten, aber vor allem auch das Potenzial für eine engere Patientenbindung!
  • Die Erwartungshaltung bei chronischer Erkrankung ist, eine lebenslange Versorgung/Therapie zu erhalten, was derzeit vom Gesundheitssystem nicht geleistet wird!

Therapiehersteller müssen künftig sicherstellen, dass sie die Online-Konversationen „ihrer“ Patienten kennen und in ihre Strategien einbeziehen. Patientengespräche in der eigenen Community sind in Echtzeit, auf Augenhöhe untereinander und offen – und liefern damit Einblicke in die Bedürfnisse und Anliegen der Therapienutzer. Die Informationen aus Social Media kann damit Ansatzpunkte für eine umfassende Patientenbindungsstrategie sein.

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Zuhören und der Patientenstimme Gehör schenken ist ein wichtiger und fortschrittlicher Tracker für die Wahrnehmung der Medikamentenmarke. Sie liefert Wettbewerbseinblicke und stützt die Weiterentwicklung des Therapieangebotes und stellt einen strategischen Baustein der Patientenbindung dar!

 

Autorin:

Meike Madelung,
Engagement Manager, Thought Leadership, IQVIA

 

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