Die Hausarztpraxis als wichtiger Anlaufpunkt
Wenn Frauen in Deutschland gynäkologische Beschwerden haben, können sie direkt eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt aufsuchen. Anders als in vielen anderen Ländern benötigen sie dafür keine Überweisung durch die Hausarztpraxis.
Dennoch bleibt die Hausarztpraxis ein wichtiger Anlaufpunkt im Versorgungsalltag. Hier werden Symptome besprochen, Befunde dokumentiert und Informationen verschiedener Fachrichtungen zusammengeführt. Doch spielt es dabei eine Rolle, ob eine Patientin von einer Hausärztin oder einem Hausarzt betreut wird?
Eine aktuelle Studie unter Beteiligung von Prof. Dr. Karel Kostev, Senior Scientific Principal bei IQVIA, ging genau dieser Frage nach. Grundlage waren Daten aus dem IQVIA Disease Analyzer, einer der größten Datenquellen für Versorgungsforschung in Deutschland. Analysiert wurden die Daten von mehr als 1,3 Millionen Frauen in deutschen Hausarztpraxen.¹
Was die Analyse untersucht hat
Die Forschenden wollten wissen, ob das Geschlecht von Hausärztinnen und Hausärzten mit der Häufigkeit dokumentierter frauenspezifischer Erkrankungen zusammenhängt.
Dafür wurden Frauen, die von Hausärztinnen betreut wurden, mit vergleichbaren Patientinnen von Hausärzten verglichen. Berücksichtigt wurden unter anderem Alter, Versicherungsstatus, Praxisgröße, Anzahl der Arztkontakte und Begleiterkrankungen.¹
Die Ergebnisse: Der Unterschied hängt vom Alter der Patientinnen ab
Die Analyse zeigte ein interessantes Muster: Der Zusammenhang zwischen Arztgeschlecht und dokumentierten Diagnosen war stark altersabhängig.
Besonders bei Frauen zwischen 31 und 60 Jahren wurden bestimmte Erkrankungen häufiger dokumentiert, wenn die Patientinnen von einer Hausärztin betreut wurden. Dies galt unter anderem für:
- Beschwerden rund um die Menopause und Perimenopause
- Endometriose
- Gutartige Erkrankungen der Brust und weiblichen Geschlechtsorgane¹
Die stärksten Unterschiede zeigten sich bei menopausalen Beschwerden. Frauen zwischen 46 und 60 Jahren hatten bei Hausärztinnen eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, dass entsprechende Diagnosen dokumentiert wurden.¹
Darüber hinaus identifizierte die Studie weitere altersabhängige Zusammenhänge, beispielsweise bei Menstruationsstörungen und Schwangerschaftsdiagnosen. Der Schwerpunkt der beobachteten Unterschiede lag jedoch bei Beschwerden und Erkrankungen in der Lebensphase zwischen 31 und 60 Jahren.¹
Was bedeuten diese Ergebnisse?
Die Studie liefert keine Hinweise darauf, dass bestimmte Erkrankungen bei Patientinnen von Hausärztinnen tatsächlich häufiger auftreten.
Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass das Geschlecht der Hausärztin beziehungsweise des Hausarztes mit der Häufigkeit dokumentierter Diagnosen zusammenhängt. Auf Basis der vorliegenden Daten lässt sich jedoch nicht feststellen, welche Ursachen diesem Zusammenhang zugrunde liegen.
Mögliche Erklärungen für die beobachteten Unterschiede
In der Diskussion ihrer Ergebnisse nennen die Autorinnen und Autoren verschiedene mögliche Erklärungen. Dazu gehören Unterschiede in der Arzt-Patienten-Kommunikation, in der Bereitschaft von Patientinnen, sensible Beschwerden anzusprechen, sowie im Dokumentationsverhalten von Ärztinnen und Ärzten.¹
Ein Beispiel sind Beschwerden rund um die Menopause. Symptome wie Schlafstörungen, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen oder Erschöpfung können unterschiedliche Ursachen haben. Damit sie als menopausale oder perimenopausale Beschwerden dokumentiert werden, müssen sie zunächst im Gespräch thematisiert und anschließend entsprechend eingeordnet werden.¹
Die Studie selbst untersucht jedoch nicht die konkreten Gesprächsinhalte oder Entscheidungsprozesse in der Praxis. Ob die beobachteten Unterschiede vor allem durch Kommunikationsmuster, die klinische Einordnung von Symptomen oder andere Faktoren entstehen, sollte daher in weiteren Untersuchungen erforscht werden.¹
Bei Krebserkrankungen zeigte sich kein Unterschied
Besonders interessant ist ein weiteres Ergebnis: Für Brustkrebs und Krebserkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane fanden die Forschenden keinen Zusammenhang mit dem Geschlecht der Hausärztin oder des Hausarztes.¹
Die Autoren werten dies als Hinweis darauf, dass das Arztgeschlecht vor allem bei Erkrankungen eine Rolle spielen könnte, bei denen die hausärztliche Einschätzung, die Symptomansprache oder die Dokumentation relevant sind. Bei Krebserkrankungen erfolgt die Diagnose und Behandlung hingegen überwiegend durch Fachärztinnen und Fachärzte. Die hausärztliche Dokumentation basiert hier häufig auf bereits vorliegenden Befunden aus der spezialisierten Versorgung.¹
Wo Diagnosen primär durch Spezialistinnen und Spezialisten gestellt werden, scheint das Geschlecht der Hausärztin oder des Hausarztes daher kaum Einfluss auf die Dokumentation zu haben.¹
Was Real-World-Evidence sichtbar macht
Große Routinedatensätze ermöglichen Einblicke in den Praxisalltag, die in klinischen Studien oft nicht sichtbar werden. Sie machen deutlich, dass nicht nur Erkrankungen selbst, sondern auch Versorgungsstrukturen, Dokumentationsprozesse und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachrichtungen die Abbildung gesundheitlicher Versorgung beeinflussen können.
Der Beitrag von Real-World-Daten zur Versorgungsforschung
An der Studie beteiligt war unter anderem Prof. Dr. Karel Kostev, Senior Scientific Principal bei IQVIA, Prof. Dr. Matthias Klader von der Klinik für Frauenheilkunde & Geburtshilfe der Universität Marburg sowie Ira Rodemer, Forscherin und Beraterin aus dem Real World Evidence Team von IQVIA. Die Analyse verdeutlicht, welchen Beitrag Real-World-Daten leisten können, um Muster in der Versorgung sichtbar zu machen und Unterschiede in Dokumentations- und Versorgungsprozessen besser zu verstehen.
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Quelle
- Kostev K, Rodemer I, Konrad M, Kalder M. Association Between General Practitioner's Sex and Documented Diagnoses of Female-Specific Disorders in German Primary Care: A Large Matched Cross-Sectional Study. Clinics and Practice. 2025.
PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42645148/
Volltext: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13510724/
